10.10.2019

Ü60 Niedersachsenmeister schwelgten in Erinnerungen

Autor / Quelle: Daniel Berlin

Sie sind um die 70 und treten noch erfolgreich gegen den Ball. Im Sommer haben die Haudegen der Spielgemeinschaft Stade die Niedersachsenmeisterschaft der über 60-Jährigen gewonnen. Nun feierten sie den Titel nach und schwelgten in Erinnerungen.

Grillmeister Norbert Meusel ruft zum Büffet. Nacken und Bauch sind fertig. Nicht, dass das gute Fleisch schwarz wird. Die Bratwurst braucht noch ein paar Minuten. Besteck liegt da für 20 Leute. Es kommen an diesem Sonnabendabend 13 Fußballer. Kartoffelsalat, Nudelsalat, Gurkensalat und Baguettestückchen kredenzt Meusel in gläsernen Schüsseln. Die Kicker greifen zu und setzen sich wieder in die Gartenstühle aus Rattan-Imitat rund um die gut sechs Meter lange Tafel einer Bierzeltgarnitur. Ein Kellner bringt Bier.

Im sechsten Anlauf haben es die Fußballer der Spielgemeinschaft Stade geschafft. Im Kreis
Gifhorn, beim TuS Seershausen-Ohof, gewannen sie die Landesmeisterschaft der in die Jahre
gekommenen Fußballer. Im normalen Fußballsprech klingt das ziemlich despektierlich. Soll
es aber nicht. „Das sind alles tolle Kicker“, sagt Manfred Drechsel (71), einer der Stars der
Stader Truppe mit seiner Vergangenheit als Verbandsligaspieler in den guten Zeiten des
ehemaligen TuS Güldenstern Stade. „Sonst wird man da nicht Meister“, sagt er. Die starke
Defensive sei auf dem kleinen Feld der Sieggarant gewesen. Zudem die Ausgeglichenheit der
Mannschaft. „Und nach vorne haben wir immer die Qualität, ein Tor zu machen“, so
Drechsel. „Manni“ machte zwei, die Mannschaft so viele, dass es für den Titel reichte.

Auf dem Holztisch vor dem Güldenstern-Casino auf der altehrwürdigen Camper Höhe werfen
der in Silber und Gold glitzernde Landespokal und das Niedersachsenross, an dessen Sockel
auf einem Schild der Sieger graviert ist, lange Schatten. Hinter den Bäumen am Stadion geht
die Sonne unter. Direkt vor Manfred Drechsel steht eine Torjägerkanone. Die hat ihm der
Vater der Spielgemeinschaft, Michael Koch, gerade feierlich überreicht. Geschichten ranken
sich um diesen Pokal für den besten Torschützen des Turniers 2015, als die SG Stade in
Engter knapp Zweiter wurde. Drechsel erzielte damals neun Tore. Seine Trophäe erlitt damals
bei einem Unfall einen Totalschaden. Drechsels Sporttasche sei aus dem Bus gefallen, die
Kanone sei rausgepurzelt, das Rohr abgebrochen und quer über die Bundesstraße 73 gekullert.
Zu restaurieren war da nichts mehr. Koch kaufte gut vier Jahre später eine neue.

Eine Anekdote nach der anderen

Fast jedes der Turniere erzählt eine Geschichte, oder mindestens eine kleine Anekdote. Ihren
ersten Auftritt im Jahr 2014 schloss die SG Stade in Großefehn als Vierter ab. Permanent
liefen die Veranstalter damals mit Thermometern über den Platz. Sollte die Quecksilbersäule
auf 40 Grad plus steigen, wollten sie das Turnier abbrechen. Die Thermometer zeigten immer
um die 39 Grad, und die alten Herren zogen das Turnier durch.

2016 in Krähenwinkel war es der Mundraub der Konkurrenz, der die Gespräche später mehr
beherrschte als Platz sechs in der Endabrechnung. Als die Stader spielten, labten sich
Fußballer eines anderen Vereins an deren mitgebrachten Schnitzeln und Bananen. Als die
Stader von ihrem Spiel zurückkehrten, war das Büffet geplündert. Die Übeltäter zuckten mit
den Schultern und sagten, „wir dachten, das ist für alle – vom Veranstalter“. Am Abend gab
es Bier als Entschädigung und ein Jahr drauf eine Kiste Bananen.

Wie das so ist mit alten Geschichten. Die Erzähler holen sie jedes Jahr wieder raus,
ausgeschmückt und ein wenig spannender. Etwa so: Mit zwei Kleinbussen pfiffen die Stader
nachts bei einer Rückfahrt auf der B3 bei Soltau auf eine Straßensperrung, weil das Navi sagte, der Fahrer solle geradeaus fahren. 14 Kilometer ging es verbotenerweise durch die Baustelle, manchmal nur mit Sand statt Asphalt unter den Reifen. Einmal blieb der Bus nachts mit einem geplatzten Kühler ganz liegen. Die Spieler standen mit Sporttasche in der Hand in Harsefeld auf der Straße und organisierten sich bei längst schlafenden Freunden Autos.

T-Shirt und Erinnerungsmedaillen

Wolfgang Gießel erzählt, dass er heute noch Gänsehaut bekomme, wenn er sich das Video
von der Siegerehrung der letzten Meisterschaft ansieht. Gießel (66) brachte es einst beim VfL
Stade bis in die Verbandsliga. Die Zuschauer applaudierten, die Konkurrenz stand Spalier.
Musik. Das bei diesem Triumph entstandene Jubelfoto ziert heute ein vom Kreisverband
gesponsertes T-Shirt, das Michael Koch bedrucken ließ und am Sonnabend beim gemütlichen
Beisammensein aus seiner Tasche zauberte. Erinnerungsmedaillen zieht Koch auch noch aus
seinem Beutel. Weil der Verband für solche Meisterschaften keine vorsieht, bestellte er sie
schließlich selbst. So ist er eben. Der Kreisfußball-Funktionär. Der Chef der Gruppe. Der
Betreuer, der Organisator, das Mädchen für alles. Oder wie Koch selbst es sagt: „der
Altenpfleger und Ausflugsleiter der Seniorenresidenz SG Stade“.

Das letzte Getränk nehmen die Legenden auf der Camper Höhe gegen Mitternacht. Der harte
Kern gönnt sich noch einen Absacker in der Innenstadt. Feiern können sie. Und kicken. Im
nächsten Jahr auch wieder. Dann vertreten zwei Teams den Landkreis bei der
Niedersachsenmeisterschaft bei Hildesheim. Die Geschichte und die Geschichten finden eine
Fortsetzung.

Zurück
Seite zuletzt aktualisiert am: 12.11.2019